Das makroökonomische Ungleichgewicht hat im Allgemeinen eine Kontraktionslücke bzw. Rezessionslücke oder eine Expansionslücke zur Folge. Um das makroökonomische Ungleichgewicht besser zu verstehen, kannst du dir zunächst den Text zur Investitionsfunktion anschauen.

Kontraktionslücke

Die Kontraktionslücke wird auch Rezessionslücke genannt und beschreibt allgemein den makroökonomischen Zusammenhang zwischen dem Bruttoinlandsprodukt und der Vollbeschäftigung.

Wenn das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes geringer ist als das BIP-Niveau bei Vollbeschäftigung, spricht man von einer Kontraktionslücke (siehe dazu auch https://spiegato.com/de/was-ist-eine-rezessionsluecke).

Die Kontraktionslücke hat zur Folge, dass sich die Volkswirtschaft kurzfristig unter dem potenziellen Gleichgewichtsniveau der Vollbeschäftigung befindet.

Die Lücke wird geschlossen, wenn die Reallöhne ins Gleichgewicht kommen und die nachfragte Menge an Arbeit der Angebotsmenge an Arbeit entspricht.[1] Innerhalb der Stabilisierungspolitik kann das reale BIP wieder steigen, wenn die Kontraktionslücke durch politische / volkswirtschaftliche Maßnahmen geschlossen wird – siehe dazu auch https://kamiltaylan.blog/recessionarygap/.

Beispielsweise sollte die Zentralbank eine expansive Geldpolitik betreiben, um eine Rezessionslücke zu beseitigen. Dies kann u. a. durch den Kauf von Staatsanleihen erfolgen. Dadurch kommt es zu einer Zinssenkung, die wiederum die Investitionsausgaben, die Konsumausgaben, das reale Bruttoinlandsprodukt sowie das Preisniveau ansteigen lässt.[2] 

Von einer Kontraktionslücke spricht man also, wenn die geplante Nachfrage kleiner ist als das geplante Angebot: Y2 – (C + I)

Unternehmen können ihr Angebot nicht vollständig absetzen, die Lager füllen sich. Dies hat zur Folge, dass in folgenden Perioden weniger Produktion und Beschäftigung stattfindet. Es entsteht eine gesamtwirtschaftliche Kontraktion.[3]

Die ex-post-Gleichheit sieht wie folgt aus:

Igeplant + Iungeplant = Sgeplant

In der Realwirtschaft ist eine Rezessionslücke (rezessionsbedingte Produktionslücke) sehr nachteilig, da sie mit hoher Arbeitslosigkeit in Verbindung steht. In diesem Fall ist Produktionspotenzial nicht ausgelastet bzw. die Kapazitäten sind ungenutzt (Unterauslastung).[4]

Expansionslücke

Von einer Expansionslücke spricht man, wenn die geplante Nachfrage größer ist als das das geplante Angebot:[5] (C + I) – Y1

Bei Y1 ist die geplante Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern in einer Periode größer als das geplante Angebot. Igeplant > Sgeplant

Das zu kleine Angebot hat zur Folge:

  • Die Konsumenten müssen mehr sparen, als sie geplant hatten. Es kann sein, dass sie ein Produkt aufgrund von Lieferengpässen nicht mehr erhalten, damit sparen sie ungeplant. Es ist auch denkbar, dass Unternehmen wegen der unerwartet hohen Nachfrage die Preise erhöhen. Igeplant = Sgeplant + Sungeplant
  • Unternehmen können weniger investieren, als sie geplant hatten, weil ihnen die Konsumenten und die Investoren die Konsumgüter zu schnell abspringen. Es gilt: Igeplant – Iungeplant = Sgeplant

Ungeplante Nachfrageänderungen führen zu Veränderungen im Verhalten der Wirtschaftssubjekte. Im obigen Beispiel führt eine unerwartet hohe Nachfrage zu einer Ausdehnung der Produktion und der Beschäftigung, also zu einer Expansion.[6]

In der folgenden Grafik wird der Zusammenhang zwischen der Expansions- und Kontraktionslücke dargestellt.

Abbildung 1: Expansions- und Kontraktionslücke

Expansionslücke und Kontraktionslücke im makroökonomischen Ungleichgewicht

Quelle: Hewel et al. (2005), S. 269.

Die EU hat im Jahr 2011/2012 aufgrund der Finanz- und der darauffolgenden Euroschuldenkrise ein Maßnahmenpaket zur Vermeidung bzw. Korrektur makroökonomischer Ungleichgewichte eingeführt. Das sogenannte Macroeconomic Imbalance Procedure (MIP) dient als Frühwarnsystem. Mittels eines Indikatoren-Scoreboards und den jeweils festgelegten Grenzwerten wird regelmäßig geprüft, ob in den einzelnen EU-Ländern ein makroökonomisches Ungleichgewicht vorliegt.  Das Scoreboard und die Grenzwerte werden von Zeit zu Zeit überarbeitet (Siehe dazu auch Kulessa (2018), S. 221.).

Staatsnachfrage als Teil der Gesamtnachfrage

Neben dem privaten Konsum der Haushalte und den Investitionen bilden die Staatsnachfrage nach Gütern sowie der Außenbeitrag (Export – Import) die restlichen Abschnitte der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage.[7]

Als Staatsnachfrage werden alle Güter und Dienstleistungen verstanden, die der Staat braucht.[8]

Die Gesamtnachfrage ergibt sich somit als Summe des privaten Konsums (C), der Investitionen (I), der Staatsnachfrage (G). sowie dem Außenbeitrag (X-IM), der Differenz aus Exporten (X) und Importen (M).[9]

Y =  C + I + G + X IM

Gesamtnachfrage

Um die Zusammenhänge im Rahmen der Konjunkturtheorie besser verstehen zu können, empfiehlt sich ein Blick auf : https://wl-wirtschaftslehre.de/konjunkturtheorie/  

Mit staatlicher Aktivität ändert sich auch die Einkommensverwendung der privaten Haushalte, also die Konsumfunktion.

Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte (Yd) ist jetzt nicht mehr identisch mit dem Volkseinkommen (Y), sondern unterscheidet sich von ihm durch die direkten Steuern (Tdir) und die Transfereinkommen (Tr):[10]

Yd = Y – Tdir + Tr

Zunächst gilt: C = C(Yd)

Die Konsumfunktion in Abhängigkeit vom Verfügbaren Einkommen lautet:

C = Ca + c * Yd

Staatsausgaben im makroökonomischen Ungleichgewicht

Staatsausgaben unterteilen sich in Transferzahlungen (dies sind unentgeltliche Leistungen des Staates an bestimmte Privatpersonen) und Subventionen, d.h. unentgeltliche Zahlungen an Unternehmen zur Förderung gesamtwirtschaftlicher Vorhaben.[11]

Für den Konsum des Staates gibt es wie für den privaten Verbrauch zwei Konzepte zur Berechnung.

  • Der Konsum des Staates nach dem Ausgabenkonzept ergibt sich aus den Ausgaben für die Käufe von Vorleistungen und Faktorleistungen, die der Staat benötigt, um seine Dienstleistungen für die Bürger zu produzieren.
  • Nach dem Verbrauchskonzept umfasst der staatliche Konsum nur jenen Teil der Ausgaben, der über die sozialen Sachtransfers an die privaten Haushalte hinausgeht, und der als Kollektivkonsum bezeichnet wird.

Nicht zu den staatlichen Konsumausgaben zählen selbst erstellte Anlagen und Erlöse aus dem Verkauf von Leistungen gegen Gebühren sowie die Ausgaben für Investitionsgüter.[12]

Der Fiskalpolitik stehen ausgabenpolitische Maßnahmen zur Verfügung, um so die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und ihre Komponenten zu steuern. Diese Einflussnahme auf die Staatsausgaben führt zu einer direkten und/oder indirekten Beeinflussung der Auslastung des Produktionspotenzials der Volkswirtschaft.  [13]

Quellen und Literaturempfehlung zum makroökonomischen Ungleichgewicht

  • https://kamiltaylan.blog/recessionarygap/
  • Herrmann, M., John, S., L. (2017). Arbeitsbuch Volkswirtschaftslehre. Stuttgart: Schäfer Poeschel Verlag.
  • Krugman, P., Wells, R. (2017). Volkswirtschaftslehre. 2. Auflage. Stuttgart: Schäfer Poeschel Verlag.
  • Hewel, B. (2005). Volkswirtschaftslehre. Grundlagen der Volkswirtschaftstheorie und Volkswirtschaftspolitik. 4. Aufl., Wiesbaden: Gabler-Verlag.
  • Cezanne, W. (2005). Allgemeine Volkswirtschaftslehre. 6. Aufl. München, Wien: Oldenbourg Verlag.
  • Lenk, T., Sesselmeier, W. (2017). Konjunkturpolitik/Fiskalpolitik/Stabilisierungspolitik. In: Lenk, T. (Hrsg.), Volkswirtschaftslehre. Grundlagen der Volkswirtschaftstheorie und Volkswirtschaftspolitik. 6. Aufl., Wiesbaden: Springer-Gabler.
  • https://www.bwl-lexikon.de/wiki/binnennachfrage/
  • Hewel, B. (2013). Einkommens- und Beschäftigungstheorie. Wiesbaden: Gabler Verlag.
  • Hewel/Neubäumer (2017). Konjunkturpolitik/Fiskalpolitik/Stabilisierungspolitik. In: Lenk, T. (Hrsg.), Volkswirtschaftslehre. Grundlagen der Volkswirtschaftstheorie und Volkswirtschaftspolitik. 6. Aufl., Wiesbaden: Springer-Gabler.
  • Grundmann, W., Rathner, R. (2022). Wirtschaftslehre: Prüfungswissen in Übersichten. Wiesbaden: Springer Gaber.
  • Kulessa, P. D. M. (2018). Makroökonomie im Gleichgewicht: Praxis und Theorie. Deutschland: utb GmbH.
  • Spiegato: https://spiegato.com/de/was-ist-eine-rezessionsluecke

[1] https://kamiltaylan.blog

[2] Vgl. Herrmann/John (2017), S. 311.

[3] Vgl. Hewel et al. (2005), S. 269

[4] Vgl. Krugman/Wells (2017), S. 861.

[5] Vgl.  Hewel et al. (2005), S. 268.

[6] Vgl. Hewel et al. (2005), S. 268.

[7] Vgl. Cezanne (2005), S. 311.

[8] Vgl. https://www.bwl-lexikon.de/wiki/binnennachfrage/

[9] Lenk/Sesselmeier (2017) S. 469.

[10] Hewel (2013), S. 109.

[11] Grundmann/Rathner (2022). S. 65.

[12] Hewel/Neubäumer (2017), S. 196.

[13] Lenk/Sesselmeier (2017), S. 471.